Haiku

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Lied des Feuers

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Kundendienst

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Inmitten der Nacht Kapitel 4

Nat

Es vergingen zwei Monate und in diesen zwei Monaten gab es nicht einen Abend, an dem ich nicht an Ronny dachte. Spätestens wenn ich draußen die Beleuchtung abschaltete, die Kerze ins Fenster stellte und anschließend die Tür hinter mir abschloss. Denn immer noch hoffte ich bis zur letzten Sekunde, dass heute der Abend war, der mir endlich die Unsicherheit nehmen würde.
Ronny … Ronald … was war nur aus ihm geworden? Ging es ihm gut? Lebte er überhaupt noch oder war meine schlimmste Befürchtung wahr geworden?
Ich schauderte. Ein so junger Mensch sollte den Freitod nicht als letzten Ausweg sehen!
Vielleicht war das Geschehen, diese seltsame Stimmung des Abends, meine Schlussfolgerungen doch nur meiner überbordenden Fantasie entsprungen? Vielleicht hatte er einfach nur einen schlechten Tag und wollte gar nicht …?
Mal war ich mir sicher diese Befürchtungen entsprangen nur meiner Einbildung, dann wieder traute ich eher meiner Wahrnehmung, meiner Menschenkenntnis.
Seine Augen! Ich konnte seine grauen Augen einfach nicht vergessen!
Dieses Leid, die Trauer und die Einsamkeit.
Es war erstaunlich, wie präsent Ronny noch immer in meinen Gedanken war. Normalerweise hörte ich die Geschichten meiner Gäste, bedauerte sie, bemitleidete sie oder freute mich mit ihnen. Doch nie, wirklich nie nahm ich eine dieser Geschichte mit nach Hause.
Bei Ronny war das anders. Ich kannte ihn nicht, wusste nichts aus seinem Leben außer den paar Brocken, die er hatte fallen lassen und doch beschäftige er mich unaufhörlich.
Ich erinnerte mich an jede Sekunde, die ich seinen zitternden Körper gehalten hatte, während sein Weinen ihn schüttelte. Fühlte noch immer tief in mir das Gefühl ihn schützen zu müssen. Ihm Trost und Wärme zu spenden.
Selbst jetzt war ich in Versuchung zu flüstern: „Es wird alles wieder gut!“ Zu mir, zu ihm, hinaus in die Dunkelheit, in der irrigen Hoffnung er könne mich hören, wo auch immer er war.
Wie widersinnig!
Ich wusste nichts über ihn, gar nichts!
Das Einzige, was ich wusste war, dass er mir nicht mehr aus dem Kopf ging, und ich sicher sein wollte, dass er wohlauf war.
Ich stöhnte entnervt.
Verdammtes Gedankenkarussell!
Seitdem er in meinem Laden aufgetaucht war, war nichts mehr wie vorher. Ich hatte keinen Spaß mehr an den diversen kleinen Flirts, scherzte und alberte kaum noch und meine Stammkunden sprachen mich schon an, ob etwas geschehen sei, denn mein Lachen sei selten geworden. Das war echt keine gute Werbung für mich.
Verflucht!
Was sollte ich ihnen darauf antworten? Ich konnte nicht, wollte auch nicht, denn diese Geschichte ging nur Ronny etwas an und ganz am Rande auch mich.
Hatten meine Worte etwas in ihm bewirkt? War es mir gelungen ihm zumindest ein winziges Stückchen Zuversicht zu vermitteln?
Waren meine Arme an diesen Abend stark genug gewesen ein Leben zu halten? Es zu erhalten?
Hatten sie genug Kraft, genug Innigkeit ausgedrückt, um einem verzweifelten Geist einen Halt zu bieten?
Fragen über Fragen, zu denen ich keine Antwort hatte, die mich unablässig beschäftigten und doch zu keinem Ergebnis führten.
Nein, für heute war genug! Ich beschloss die Bar zu schließen. In der Woche war eh nie viel los.
Schnell noch alle Stühle auf die Tische, die Kerze ins Fenster gestellt und ich war bereit den Abend zu beenden.
Gerade stand ich vor der Tür, als diese jäh von außen aufgestoßen wurde.
Geistesgegenwärtig tat ich einen Schritt zurück, damit das Türblatt mir nicht die Nase brechen konnte.
„Tut mir leid, wir schl…!“, das letzte Wort blieb regelrecht in meinem Hals stecken.
Er war es!
Ronny!
Endlich!
Er war noch schmaler als ich ihn in Erinnerung hatte. Dunkle Ringe unter den Augen sprachen von schlaflosen Nächten, doch etwas hatte sich noch stärker geändert.
Seine Augen.
Nach wie vor lag Trauer in dem sanften Grau. Doch verdeckte sie nicht mehr sämtlichen Lebenswillen.
Unsicherheit lag in seinem Blick und ich konnte einfach nichts anderes tun als ihn wieder in meine Arme zu schließen. Ich hatte regelrecht das Bedürfnis ihm Sicherheit zu vermitteln, damit er nicht wieder fortlief.
Überrascht versteifte er sich einige Sekunden, doch dann verließ die Spannung seinen Körper. Schüchtern legte er seine Arme um meine Taille, sein Kopf sank gegen meine Schulter und ich konnte spüren, wie er tief Luft holte.
„Ich … ich hatte schon die Befürchtung, du wärest nur Einbildung gewesen“, murmelte er. „Das was du hier mit mir gemacht hast, was du für mich getan hast …! Ich dachte, das alles wäre meinem vollkommen überreizten Geist entsprungen.“
Ein befreites Lachen wollte in mir aufsteigen. Ich unterdrückte es. Er könnte es missverstehen.
Er lebte! Gott sei Dank! Er lebte!
„Ich bin überaus real. Und dankbar … dass du noch lebst!“
„Das habe ich dir zu verdanken!“, seine Stimme war leise, kaum zu verstehen. Doch seine Worte bescherten mir eine Gänsehaut.
Beantwortete seine Anwesenheit in diesem Moment doch meine dringlichsten Fragen.
Meine Angst um ihn war keine Einbildung gewesen und … ich hatte etwas bewegen können.
Nie war ich dankbarer als in diesen Augenblick.
Schließlich löste er sich, wenn auch nur zögernd, aus meinen Armen.
Ein seltsam irreales Verlustgefühl überkam mich.
Nein, so sollte es nicht sein! Er gehörte doch schon längst hier hin … hier … zu mir, in meine Arme!
Innerlich schüttelte ich über mich selbst den Kopf.
Was für absurde Gedanken.
Das kam davon, wenn man sich zu viel mit einem Kunden beschäftigte.
Tief in meinem Inneren war mir klar: ich belog mich gerade selbst, aber gleichzeitig war mir die Art dieses Selbstschutzes bewusst.
Wie konnte es denn sein, dass jemand, den ich gar nicht kannte, sich bereits so tief in mein Leben, in mein Inneres eingegraben hatte? Für einen Augenblick spukte das Wort Seelenverwandtschaft durch meinen Kopf und wurde genauso verdrängt wie das Verlustgefühl vorher.
„Ich bin nur gekommen … ich glaube, ich schulde dir eine Erklärung!“, sagte Ronny.
„Komm, ich mache uns beiden noch etwas zu trinken!“
Ich zog ihn mit mir, Richtung Theke.
„Was möchtest du trinken?“
„Kannst du mir ein Bier geben?“
„Klar!“
Schnell zapfte ich uns zwei Biere, ging dann aber um die Theke herum und setzte mich neben ihm. Ich wollte keine trennende Barriere zwischen uns, ich wollte an seiner Seite sein und ihn …
Ja! Ich wollte ihn halten, wenn er mich denn brauchte und wenn er mich ließ.
Es hatte keinen Zweck sich da weiterhin irgendetwas vorzumachen. Ronny bewegte etwas in mir. Tief in mir saßen Gefühle für ihn, die ich nicht weiter verleugnen oder zerreden wollte.
Unmöglich in der Kürze der Zeit? Hatte ich bis gerade eben auch gedacht. Die Wirklichkeit belehrte mich, was für ein relatives Ding die Zeit doch war … Danke Einstein!
Wieder sah Ronny mich unsicher an. Mein Schweigen hatte ihn wohl verunsichert und ich konzentrierte mich wieder mehr auf seine Gegenwart.
„Tut mir leid, ich war gerade in wirren Gedanken!“
„Schon okay!“, sagte er. „Bin auch gerade nicht sicher, wie ich anfangen soll!“
Zögernd fragte ich: „Du hattest an dem Abend also tatsächlich vor dir was anzutun?“
Er wich meinem Blick aus, doch ich konnte klar erkennen, da lag keinerlei Scham in dem seinen. Selbst jetzt schien es ihm nicht der falsche Weg gewesen zu sein. Das machte mir, wenn ich ehrlich war, eine Höllenangst.
So gefestigt wie er schien war er wohl noch nicht. Spontan griff ich wieder nach seiner Hand, hielt sie und wollte Halt vermitteln.
Ein blasses Lächeln legte sich um seine Lippen. Wie ich erkannte er wohl die Duplizität der Ereignisse.
„Ich habe dir doch von meinem Opa erzählt … Und davon, dass ich ihn getötet habe?“, begann er zu erzählen.
Er redete fast zwei komplette Stunden lang. Erzählte von seiner Kindheit und Jugend, von seinen Eltern und seinem Großvater. Nicht nur ihm liefen dabei immer wieder Tränen die Wangen herab. Mehrmals war ich versucht ihn zu stoppen, dachte, ich ertrüge es keine Sekunde länger ihn so zu sehen. Nur indem ich mir verdeutlichte, dass ich mir dieses traurige Schicksal nur anhören, er es aber hatte erdulden müssen gelang es mir ihm bis zum Schluss zuzuhören.
„Und dann stand ich wieder auf dieser Brücke …“, beendete er seine Erzählung.
„Darf ich fragen, wieso du es nicht getan hast?“, ich drückte seine Hand fester. „Du musst nicht antworten wenn du es nicht willst.“
Ich hatte Angst mit dieser Frage bereits wieder zu weit gegangen zu sein. Angst, ihn wieder zu verlieren, ihn zu verletzen … Tiefer zu dringen, als er noch aushalten konnte …
Das Lächeln auf seinen Zügen ging nun tiefer, war echter.
„An diesen Abend? Weil … weil!“, er sah verlegen zu mir, blickte in meine Augen, forschte in meinem Gesicht, wieder auf der Suche nach einer Antwort und genauso wie damals konnte ich nur hoffen, dass er fand, wonach er suchte.
Er atmete tief durch: „ Weil … Auf der Brücke hörte ich plötzlich deine Stimme und … du hast deine Arme um mich gelegt. Genauso wie eben, als ich zu dir gekommen bin.“
Er errötete.
„Und da war plötzlich so ein irrsinniger Funke Hoffnung in mir. Es reichte, um diese Nacht zu überleben.“
Ich griff nach seiner zweiten Hand, sah ihn eindringlich an: „Was heißt das?“, musste ich immer noch Angst um ihn haben?
Sein Kopf sank nach unten, auf seine Brust.
„In den Wochen danach war ich jede Nacht auf dieser Brücke, war fast jede Nacht erneut in Versuchung. Es schien manchmal leichter zu springen als weiter zu leben. Und jede Nacht bin ich hier vorbei gekommen. Ich sah das Licht in deinem Fenster. Du hast es für mich aufgestellt, nicht wahr?“
Er lächelte – müde, vielleicht auch ein wenig beschämt.
Ich konnte nur nicken.
„Es bedeutete mir so viel. Immer wenn es zu dunkel wurde um mich, dachte ich an diese Kerze, ihr einsames, aber helles Licht, nur für mich! Ich habe so viel nachgedacht und gegrübelt. Es wurde im Laufe der Zeit besser, meine nächtlichen Wanderungen seltener. Heute habe ich Großvater und der Vergangenheit endgültig Lebewohl gesagt. Ich denke, er würde wollen, dass ich einfach nur glücklich werde. Er würde nicht wollen, dass ich … aufgebe. Dass ich mich aufgebe. Dafür hat er zu sehr um eine bessere Zukunft für mich gekämpft. Es hieße sein Streben mit Füßen zu treten, wenn ich meiner Lebensangst nachgegeben hätte.“
Wieder schimmerten Tränen in seinen Augen, doch waren es Tränen der Heilung, die die Reste seiner Verzweiflung aus ihm heraus spülten. Die seine Seele reinigten und Platz machten für eine hoffnungsfrohere Zukunft.
Eine Zukunft mit mir?
Ich musste es wissen!
„Was würde dein Großvater denn sagen, wenn du … also, wenn du mit einem Mann …“, ich verhaspelte mich, schluckte die letzten Worte ohne sie laut zu sagen. Vielleicht trog mich mein Instinkt, aber hätte er sich dann so von mir umarmen lassen, würde er, wenn es anders wäre, dulden, dass ich immer noch seine Hände hielt?
Noch immer war sein Blick fest auf den Boden geheftet. Dennoch sah ich die heiße Röte, die in seine Wangen stieg und schließlich sogar seine Ohren erreichte.
Es sah einfach zu süß aus und ich musste mich schwer beherrschen, um nicht einfach über ihn herzufallen und ihn seine Zweifel von den Lippen zu küssen.
Mein Herz klopfte laut. Ich spürte es in meiner ganzen Brust, bis hoch in meinen Hals. Halb fürchtete ich seine Antwort, halb tobte die Hoffnung in mir.
„Ich weiß wirklich nicht, was er sagen würde. Was das betrifft war er sehr altmodisch in seinen Ansichten. Aber er hatte ja keinen Anlass seine Beweggründe zu hinterfragen. Hätte er denn einen Grund?“
Langsam hob sich sein Kopf. Ich sah in seinen grauen Augen die gleiche Hoffnung schimmern wie sie auch in mir wohnte.
Meine Antwort war nonverbal. Ich zog Ronny einfach von seinem Hocker, zwischen meine Beine und küsste ihn um Sinn und Verstand. Oder war es mein Verstand, der sich gerade verabschiedete?
Doch war es nicht vollkommen egal, war es nicht absolut gleichgültig, solange das Ergebnis stimmte?
Wir hielten aneinander so fest umschlungen, dass einer den Herzschlag des anderen fühlen konnte.
Es war zu knapp gewesen. Wir hätten einander verfehlen können.
War es einfach Schicksal, dass ihn in dieser Nacht in meine Lounge getrieben hatte? Oder war da eine andere Macht, eine Vorhersehung im Spiel gewesen? Vielleicht die Hand eines liebenden Großvaters?
Wir werden es wohl nie erfahren …
Ich werde mein Glück mit beiden Händen festhalten, werde Ronny nie wieder loslassen und bin froh, dass meine Fragen über sein Wohlergehen letztendlich beantwortet wurden. Denn die Alternative wäre unvorstellbar.

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Inmitten der Nacht Kapitel 3

Ronny

Ein weiteres Aufstöhnen ersparte ich mir.
Nur eine weitere Niederlage in der langen Liste meines Lebens.
Und doch lag in dem Gedanken an eine letzte Zigarette die Idee verborgen, mir auch einen letzten Drink zu gönnen.
Mein Verstand befeuerte mich mit der beständigen Warnung, dass es nur wieder ein erneuter Versuch meines Selbsterhaltungstriebs war, von dem Geländer dieser Brücke zu verschwinden.
Ich stimmte ihm vorbehaltlos zu, beschwichtigte ihn mit dem Versprechen: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Aber dieser Gedanke an ein letztes Glas schien mir mit einem Male zu verlockend und es ging doch wirklich nur um ein paar Minuten, die ich es früher oder später hinter mich bringen würde … Oder?
Meine erstarrten und verkrampften Muskeln verweigerten beinahe ihren Dienst, als ich über das Geländer zurückklettern wollte.
Dass ich mir dabei an einer rostigen Ecke das Handgelenk blutig schnitt war nebensächlich. Beinahe ohne mein bewusstes Zutun zog ich ein Stofftaschentuch aus der Hosentasche und wickelte es nachlässig um die Wunde.
Das Tuch war verschmutzt, weil ich heute auf dem Friedhof damit Großvaters Grabkreuz noch einmal poliert hatte.
Sein Anzug, sein Taschentuch, sein Kreuz … wer oder was war ich überhaupt ohne ihn?
Wen interessierte es jetzt noch, wie es mir ging?
Wen sollte es noch interessieren, wenn ich mir eine Blutvergiftung zuzog? Der Gedanke schien so lächerlich, dass er mir ein hysterisches Kichern entlockte.
Ich stand hier auf einer Brücke, von der ich in den Tod springen wollte und machte mir Gedanken über eine Sepsis?
Ich dankte der Dunkelheit um mich herum, ich dankte der späten Stunde … es war gut, dass mich niemand in diesem Zustand sah!
Mein Anblick würde die Menschen bestimmt erschrecken, so dass sie die Polizei rufen würden. Und alle meine Pläne würden sich verflüchtigen.
Während all dieser sinnlosen Überlegungen führten meine Füße mich einen weiteren Schritt fort von diesem Geländer.
Ich stoppte.
Was tat ich eigentlich?
Fühlte mich hin und her gerissen … war doch versucht … jetzt … jetzt komm schon, Ronnie, mach es einfach! Kopfüber, nicht lange nachdenken und es ist endlich vorbei.
Und Schritt für Schritt trat ich dabei vom Geländer zurück.
Verweigerte meinem Verstand den Gehorsam.
Was tust du denn da, Ronnie? Los, mach schon! Ein Leben gegen ein Leben!
Ich legte die Arme um meinen Oberkörper, umarmte mich und wiegte mich selbst … vor und zurück, vor und zurück.
Alleine, so alleine!
Ich schrie auf, brüllte meine Verzweiflung, meine Angst, meinen hilflosen Zorn in die dreimal verfluchte Einsamkeit der Nacht.
Nichts, nichts kam darauf zurück, kein Hall, kein Echo, geschweige eine menschliche Stimme, nur diese leere Stille, die ich nur zu gut kannte, weil sie sich in mir festgefressen hatte.
Und irgendwie stand ich plötzlich am Ende der Brücke.
Wie kam ich hierher?
Meine Feigheit verfluchend, die Dankbarkeit für ein paar geschenkte Minuten ignorierend. Denn das unweigerliche Ende war doch nur aufgeschoben … was sollte inmitten der Nacht noch geschehen, das mich von meinem Entschluss abbringen könnte?
Auf einmal sah ich dieses Licht am Ende der Straße. Die Leuchtreklame einer Cocktailbar zog mich an wie eine Motto das Licht.
Ich trat einfach ein, bemerkte nur am Rande die bereits hochgestellten Stühle.
Nein, diesen letzten Drink würde ich mir nicht verwehren lassen!
Meine Beine, mein ganzer Körper fühlte sich an wie mit Blei gefüllt, eine Müdigkeit ausstrahlend, die mir mehr als deutlich machte, dass ich gerade von ein paar gestohlenen Momente lebte.
Der Barkeeper war nett, doch er sollte mich nicht so genau ansehen, sollte nicht erkennen wie es um mich stand. Niemand sollte meinen Entschluss vereiteln.
Seine Hand schob ein Glas in mein Blickfeld, der erste Schluck … Wie konnte etwas Simples wie dieser Whiskey nur so gut schmecken? Ich genoss ihn, zelebrierte den Geschmack, machte mir seine samtige Schärfe zu Eigen, fühlte ihn mit meinem gesamten Körper, mit allem, was noch in mir war an fühlen, schmecken … sein …
Was sagte der Barkeeper gerade? Das Blut? Welches Blut? Ach ja … das! Es war nicht der Rede wert.
Ein Verbandkasten? Verschwendung von Ressourcen.
Lieber noch einen Schluck mit allen Sinnen genießen …
Er hatte eine symphytische Stimme, dieser Barkeeper.
Er bot mir ein Gespräch an. Ich lächelte, und dieses Lächeln fühlte sich an wie meine Totenmaske.
Ich glaube nicht, dass er mir helfen kann … Wie will man einen lebendigen Toten zum Leben verführen?
Ich glaube nicht, dass irgendetwas meinen Entschluss jetzt noch stürzen, den Schmerz tilgen kann.
Der Alkohol ging mir in die Beine, in meinen Verstand, machte mich weich und verletzlich, als er nun nach meiner Hand griff.
Soviel ungewohnte Nähe … diese menschliche Wärme. Eine Wärme, die nicht vom Alkohol kam. Sie tat beinahe weh, diese Menschlichkeit!
Warum wollte er meinen Namen wissen? War das seine übliche Art?
Ich hörte sein Plappern, hörte, wie er seinen Namen nannte, aber letztendlich tat das nichts mehr zur Sache. Was sollte sich ändern? Ich war alleine auf dieser Welt, da war nichts und niemand mehr, der mir Halt gab. Der Letzte, der es konnte, den hatte ich getötet. Eine Schuld. .. meine Schuld, die nie vergehen würde.
Und doch, warum bemerkte ich dann Nat‘s Bemühen um mich? Warum spürte ich, dass er wusste, wie es um mich stand? Ich war doch nur ein weiterer Besucher seiner Bar, ein letzter, später Gast, hinter dem man die Tür schließt und ihn vergisst.
Was? Was machte ihn so anders, diesen Barkeeper? Ich suchte nach einer Antwort, suchte in seinen Augen, in seinem Gesicht und sah nichts als Mitgefühl in diesen grünen Augen, gepaart mit einer gewissen Art von Verständnis für menschliche Schwächen. Er musste einen guten Job machen bei seiner Art mit seinen Gästen umzugehen.
Doch nun war es an der Zeit; Zeit, seine Prioritäten wieder gerade zu rücken, Zeit, alle offenen Rechnungen zu begleichen, Zeit, der Wahrheit ins Auge zu sehen.
Nichts wartete auf mich, nichts half mir auf meinem Weg durch die Dunkelheit, die mir dennoch solche Angst machte in ihrer grausamen Endgültigkeit.
Lag es am Alkohol, lag es an eben dieser Angst, dass meine Beine plötzlich zu schwach schienen mein Gewicht zu tragen?
Ich spürte mein Schwanken, griff hilfesuchend um mich und fand doch nichts, nichts außer der harten Realität in Form einer kühlen, abweisenden Tischfläche unter meiner suchenden Hand.
Alles, alles schlug mit erbarmungsloser Heftigkeit auf mich ein.
Alleine, so alleine, ein Wispern in der Todesstille: „Meine Junge!“
Und Tränen, Tränen eines ganzen Lebens … seines … meines! So viele Tränen wie das Fließen und eilige Strömen des Wassers unter dieser Brücke.
Und wie in einem Märchen, wie in einem Wunder war da plötzliche mehr. War da nicht nur die ersterbende Stimme meines Großvaters, sondern ein neuer, sanft vibrierender Ton an meinem Ohr. Lebendiger Atem in meinem Haar, Worte, deren Inhalt ich nicht verstand, die aber einen Trost versprachen, der einfach nicht für mich gemeint sein konnte! Ich hatte es ihm doch gerade gesagt, hatte ihm meine Schuld gestanden und er, Nat, zog mich dennoch in seine Arme. Gönnte mir seinen Beistand, den ich nicht verdiente. Den ich nicht annehmen konnte! Und ihn dennoch elend herbeisehnte …
Ich spürte seine Empathie, spürte das offene Herz, welches er mir anbot. Lies es einige kostbare Momente zu, nur Ronnie zu sein. Mit seiner Trauer, mit seiner Angst, seiner verzweifelten Hoffnung auf dieses beschissene Leben. In dem es selbst für mich ein Miteinander geben könnte, eine Liebe …
… doch ich konnte nicht, durfte nicht.
Hieße es doch meine Verantwortung zu leugnen.
Meinen Stolz, unsere Traditionen mit Füßen zu treten, all das von mir zu weisen, was meine Familie mich lehrte.
Wie dumm ich war zu hoffen es gäbe einen Weg … jetzt, hier, in diesen Augenblick, in diesen starken Armen.
Denn die Wahrheit, wer ich war, was ich war, lag gerade auf dem Friedhof und vermoderte.
Oh Gott … mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!
Ich zwang mich auf meine Füße, zwang mich hinaus in die Realität, die vor dieser Tür auf mich wartete, zwang mich die Hand, die Nat mir reichte, zu ignorieren.
Durfte ihn nicht beschmutzen mit meiner Gegenwart, mit meiner Schwärze, mit meiner Schuld.
Ich folgte der Dunkelheit …
Keine 10 Minuten später stand ich wieder auf dieser Brücke und sah hinab in den Abgrund. Hörte, wie er mich rief, wie er mich lockte mich dem Vergessen hinzugeben.
Es war ein Sog, der mich schwindelig machte.
Der Fluss murmelte und verführte mich mit seiner Tiefe. Es war wie ein Sirenengesang und wie Odysseus wollte ich dieser Stimme nachgeben.
Endlich Frieden, endlich Vergessen, endlich ein Licht am Ende des Tunnels und wenn es nur das Licht des Höllenfeuers sein sollte. Denn was anderes sollte auf mich warten?
Ich schloss die Augen, war bereit mich einfach fallen zu lassen, da spürte ich auf einmal wieder diese Arme um mich, hörte eine Stimme, die mich eindringlich bat nicht zu springen.
Nat!
Ich riss die Augen auf!
Wo?
Wie war er hierhergekommen?
Doch da war keine Nat, keine Umarmung, die mich abhielt, nur die Erinnerung an Wärme, an Schmetterlingsküsse auf meinem Gesicht, in meinen Haaren.
Grüne Augen, in denen ein Versprechen zu liegen schien.
So konnte es sein?
So fühlte es sich an gehalten zu werden?
Auch für mich?
Wirklich?
Für mich?

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Inmitten der Nacht Kapitel 2

Ronny

Mit einem farbenprächtigen Schauspiel verabschiedete sich der Tag. Fast schien es mir, als wollte die Sonne mir ein letztes Lebewohl zuflüstern. Nur, dass es ihr nicht gelang mein vereistes Herz zu erreichen. Schlimmer noch, ich wollte nicht, dass es ihr gelang. Mein Großvater würde die Sonne ja auch nie wieder sehen und das war allein meine Schuld.
Das Brückengeländer gab mir einen letzten Halt, während das Wasser unter mir in eiligen Strömen und Strudeln dahin floss, die Farben des Himmels spiegelnd, als würde der Fluss brennen.
Ein letzter Blick zur Sonne, deren oranger Ball mittlerweile von einem dunkleren Rot umkränzt wurde.
Mein Kopf sackte beinahe wie von selbst wieder nach unten, nein, diese Schönheit konnte … durfte mich nicht rühren.
Und dennoch hielt mich etwas davon ab meinen Griff um das Geländer endgültig zu lösen.
Ich war so ein verdammter Feigling!
Keine Ahnung, wie lange ich hier schon stand.
Keine Ahnung, wie viele unzählige Autos in der Zwischenzeit an mir vorbei gefahren waren, ohne dass deren desinteressierte Besitzer mir einen Blick zugeworfen hatten.
Keine Ahnung, warum ich mich noch immer mit einem Quäntchen verzweifelten Willens an dieses Leben klammerte, das sich doch auch sonst keinen Deut um mich geschert hatte.
Ich seufzte resigniert. Was hinderte mich daran meine letzte Rechnung zu bezahlen?
Wir Alexejews blieben nie jemanden etwas schuldig. Wir bezahlten immer … für alles! Auch für das, was wir nie bestellt hatten, was das Schicksal uns aber zuwies. Unser verdammter Stolz war das Einzige, was wir uns erlauben konnten. Und ausgerechnet ich, als Letzter in dieser langen Ahnenreihe, war nicht in der Lage diese Tradition fortzuführen?
Erbärmlich, so erbärmlich!
Beinahe genauso erbärmlich wie meine Neigungen, wie meine Vorlieben. Gut, dass meinem Großvater wenigstens das Wissen darüber erspart geblieben war.
Eine kleine, böse Stimme in mir fragte, ob ich nicht gerade deswegen tat, was ich getan hatte?
War ich des Versteckspiels müde? Dieses Verstecken vor Großvater, das Verstecken vor mir selbst. Etwas mühsam verleumdend, was so offensichtlich war, so fest verankert in mir und ich dennoch vehement ablehnte, ablehnen musste. Das nicht passte … zu mir, zu meiner Familie. Zu den Traditionen, die mir von Kindheit an eingebläut worden waren – und das manchmal im wahrsten Sinne des Wortes.
Meine Großeltern waren, sie bestanden auf diese Bezeichnung, Deutsche, die aus Russland eingewandert waren. Hier waren sie jedoch nur die Russlanddeutschen … die, die sich ins gemachte Nest setzen wollten. Die nur die sozialen Netze eines sogenannten Wohlfahrtsstaates ausnutzen wollten.
Ich scheiß drauf!
Wohlfahrtsstaat und sozial … das sind Worte, mit denen ich nichts anfangen kann. Weder meine Großeltern noch meine Eltern haben jemals am Busen dieses sogenannten Wohlfahrtsstaates gehangen. Nie im Leben haben sie um etwas gebeten oder gebettelt und das, obwohl meine Mutter eine gebürtige Deutsche war.
Ich hasse diese Begriffe, weil auch meine Großeltern und mein Vater sich als gebürtige Deutsche sahen, nur der Rest der Welt eben nicht.
Warum meine Mutter bei so viel Stolz auf den Namen Ronald für mich bestanden hat und wieso mein Vater es ihr durchgehen ließ, werde ich nie verstehen. Vielleicht nahm sie an, dass dieser westliche aller westlichen Namen mir mein Leben einfacher machen würde. Ich weiß es nicht und ich werde es nie erfahren.
Und damit kommen wir zu dem Wörtchen sozial, das ich für mich ganz anders definiere als ich es erlebt habe …
Die Schule war für mich die Hölle, ich war der russische McDonald Clown … und wurde so behandelt.
Wer empfindet schon Respekt vor einem Clown?
Niemand.
Eben!
Mein Vater, der darauf bestanden hatte, bei jeder Klassenversammlung dabei zu sein und mit seinem niemals ganz abgelegten Akzent Fragen stellte, weil er sich einfach für mich, seinen Sohn interessierte. Die Blicke der anderen Eltern, ihre Kommentare, die ich am nächsten Tag brühwarm von meinen Klassenkameraden serviert bekam …
Meine kurzen Haare, die meine Mutter mir selbst schor, weil es günstiger war als bei einem Friseur Geld für einen modischen Haarschnitt auszugeben. Meine ärmliche Second-hand Kleidung … Niemals habe ich Ausflüge oder Klassenfahrten mitmachen können, weil meinen Eltern das Geld fehlte.
Meine Klassenlehrerin im vierten Schuljahr war einmal bei meinen Eltern, wollte ihnen nahelegen, die Förderkasse der Schule um einen Beitrag zu bitten.
Sie tauchte nie mehr bei uns auf, sah mir nie wieder in die Augen und ich wurde noch mehr zum Außenseiter als ich es ohnehin gewesen war.
Im fünften Schuljahr lernte ich dann mit den Fäusten zu sprechen. Ich bin nicht stolz darauf, doch die Hänseleien fanden nur noch hinter meinem Rücken statt, niemand lachte mich mehr offen aus. Tatsache war, die Einsamkeit tat mehr weh als ihr Spott.
Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, vielleicht lag es einfach an der vielen freien Zeit, die ich zum Lernen benutzte … Im sechsten Schuljahr wechselte ich von der Hauptschule auf eine Realschule, nach bestandener Fachoberschulreife ging ich auf ein Gymnasium und „baute“ mein Abitur.
Wie das klingt … ich baute mein Abitur! Ja, ich baute tatsächlich an einer Zukunft, während meine Familie gleichzeitig abbaute. Kann man das so sagen?
Egal wie man es nennen will, die Realität war einfach die: Während ich im neunten Schuljahr war, brannte das alte Haus, in dem ich mit meiner Familie zur Miete lebte, ab und mit ihm meine Eltern und meine Großmutter. Alles was mir blieb war mein Großvater.
Mein Großvater mit seiner harten Hand, seinen Traditionen und mit seiner Liebe zu mir, seinem letzten Verwandten.
Der mir Disziplin beibrachte, der mein Absacken in der Schule drakonisch bestrafte, weil es wichtig war gut in der Schule zu sein, wichtig war für eine bessere Zukunft. Weil es mir einmal so viel besser gehen sollte als ihm.
Er war furchtbar stolz auf mich, lud mich zum Essen in ein wirklich gutes Restaurant ein, als ich die Zusage der Universität in den Händen hielt.
Maschinenbau … das war etwas, was ich verstehen konnte, das geradlinig war und sich an Gesetzmäßigkeiten hielt.
Dann erkrankte er an Krebs … Lungenkrebs.
Er sagte nichts, ließ mich weiter lernen, mich meinen Nebenjob machen, damit das Geld zum Studieren reichte, bis er zusammen brach – Blut spuckend und nach Luft ringend.
Ich gab die Uni auf, kümmerte mich um ihn, obwohl er protestierte.
Es ging nicht anders.
Die letzten Wochen seines Lebens waren grausam, für ihn … und für mich. Ihm beim Sterben zuzusehen …
Egal was ich tat, ich konnte seine sonst ungebändigte Lebenskraft nicht aufhalten, die sich rapide davon machte wie Flüssigkeit aus einem lecken Gefäß.
Manchmal, wenn er von seinen Medikamenten weggeschossen in seinem Bett lag, saß ich neben ihm und weinte, hielt seine Hand und spürte die Kälte, die sich in seinem Körper breit machte.
Die Stunden, in denen er klar war, waren beinahe noch schlimmer, wenn der Schmerz ihn auffraß, seine Erstickungsanfälle ihm Todesängste bereiteten … er mich inständig bat ihm zu helfen und ich es nicht konnte.
Denn er bat mich nicht um Pflege, sondern flehte nach Erlösung …
Nach einer besonders schlimmen Nacht war er zu geschwächt, um überhaupt noch etwas zu sagen.
Nur seine Augen … die sprachen! Forderten nachdrücklich die Bezahlung meiner Schulden. Meine Schuld dem Mann gegenüber, der immer für mich da gewesen war, der mir auf seine ureigene Weise den Weg gewiesen hatte, der seine eigene Trauer zurückstellte, damit ich mit meiner zu leben lernte.
Ich stellte ein Glas Wasser auf dem Nachtisch ab, in das ich sämtliche Medikament, die er verschrieben bekam, auflöste. Er sah mir zu, beobachtete jeden meiner Handgriffe und ich zögerte nicht.
Ich stellte das Glas in die Reichweite seiner Hand und verließ den Raum. Versuchte mir einzureden, es dem Schicksal zu überlassen. Wenn sein Wunsch stark genug wäre, würde er die Kraft finden es zu erreichen, wenn nicht, würde ich es gleich einfach in den Ausguss schütten. Und doch war es mein Wille, der ihn den Tod übergab.
Als ich zehn Minuten später den Raum betrat war das Glas leer. Er öffnete noch einmal seine Augen und sein Blick drückte all seine Liebe zu mir aus.
„Mein Junge!“, flüsterte er „Mein Junge!“
Mittlerweile war es dunkel. Wie spät mochte es sein? Autos fuhren nur noch selten über die Brücke und ihre Scheinwerfer schafften es nicht mich der Dunkelheit zu entreißen. Lag es an dem Schatten des Brückenpfeilers neben mir oder war es ganz einfach meine eigene Dunkelheit, die mich umgab? Das Wissen derjenige gewesen zu sein, der meinem Großvater den Tod brachte, im wahrsten Sinne des Wortes? Ich war es, der den Tod in Form eines einfachen Glases auf seinen Nachtisch stellte …
Mit zittrigen Händen wollte ich mir eine Zigarette anzünden, doch das Feuerzeug entglitt meinen Fingern. In der Dunkelheit konnte ich es nicht wieder finden
Wo war die Sonne, wenn man sie brauchte?

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Inmitten der Nacht Kapitel 1

Inmitten der Nacht

Nat

Mein Name ist Nathan aber eigentlich interessiert das niemanden wirklich. Alle rufen mich nur Nat, wenn sie etwas zu trinken bestellen möchten, oder ihr Rechnung bezahlen wollen. Ich bin 26 Jahre alt und bereits stolzer Inhaber einer eigenen Cocktailbar/Lounge.
Doch das ist momentan nebensächlich, denn eigentlich stellen sich mir zur Zeit wichtigere Fragen.

Können Fremde, die sich in einer Nacht begegnen, wichtig füreinander sein? Können sie an Dinge rühren, die tief verschlossen in einem Herzen ruhen und doch nicht wirklich still sind? Kann ein einziger Abend tatsächlich Dinge bewegen?
Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle seit ich Ronny traf.
Er stolperte eines Abends in meine Bar. Eigentlich wollte ich gerade schließen. Die Stühle waren, schon auf ihre Sitzflächen gekippt, auf den Tischen, damit die Putzfrau am Morgen leichter durchwischen konnte. Alle Gläser waren bereits gespült und standen auf ihren Plätzen, sie schienen genauso müde wie ich zu sein. Der warme Mahagoniton der Theke schimmerte schwach im Lichtschein der bereits gedimmten Beleuchtung. Träge wie ein schläfriges Tier kauerte sie in der Dämmerung der Bar.
Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir meinen Feierabend an. In der letzten Stunde hatte sich ohnehin kein Gast mehr hierher verirrt. Gerade ging ich um die Theke herum und wollte die Tür schließen, da öffnete sie sich plötzlich und ein später Besucher betrat den Raum.
Overdressed – kam es mir sofort in den Sinn.
Er erschien fast zu jung für seinen Anzug zu sein; den Hut hatte er nicht korrekt auf seinem Kopf, sondern etwas in den Nacken geschoben und die Augen musterten teilnahmslos die Umgebung.
So betrat er meine Bar.
„Tut mir leid, ich wollte gerade schließen!“, sagte ich.
„Gib mir nur einen Drink, dann bin ich wieder weg.“
Seine Stimme leise, seine Bewegungen müde, beinahe apathisch.
Ich zauderte einen kurzen Moment; der Abend war lang gewesen und mein Bett rief mich mit immer lauterer Stimme.
Er bemerkte mein Zögern. Der Blick seiner verschatteten Augen bohrte sich für Sekunden in die meinen und ich las etwas in ihnen … Etwas … was? Ich gab nach.
Was brachte mich dazu diesen seltsamen Fremden ein Glas hinzustellen und ihm einen Whiskey einzuschenken?
Ich weiß es nicht, ich weiß auch heute noch nicht, ob es die richtige Entscheidung gewesen war.
Nach diesem kurzen Blick musste ich meine Meinung revidieren, denn seine Augen waren älter als sein jugendliches Aussehen glauben machen wollte. Im ersten Moment hätte ich ihn für höchstens 22 gehalten, aber niemand in diesem jungen Alter konnte solche Augen haben. Augen, die von einem Schmerz sprachen, der weit über seine Lebenserfahrung heraus reichte.
Ich schluckte, versuchte den Kloß in meiner Kehle unauffällig los zu werden. Als Barkeeper erlebte man manchen Gast und seine Geschichte, und nicht alle diese Geschichten waren leicht verdaulich.
Irgendwie wusste ich, seine gehörte dazu.
Doch er war nicht hier um zu reden, seine Hand griff ruhig und zielstrebig nach dem Glas, setzte es an seinen Mund und im Gegensatz zu vielen anderen kippte er es nicht herunter, sondern nahm lediglich einen kleinen Schluck, benetzte nur seine Lippen. Erst als er das Glas wieder absetzte sah ich den schmutzigen Verband, der provisorisch um sein Handgelenk gewickelt war.
„Du blutest!“, entfuhr es mir.
Sein desinteressierter Blick streifte kurz das umwickelnde Tuch.
„Nichts Tragisches, keine Sorge. Ich trink nur eben aus, dann bist du mich wieder los!“
Nur erschien mir gerade das keine gute Idee mehr zu sein.
Seine Stimme!
Etwas lag in seiner Stimme, das ich nicht identifizieren konnte, doch es brachte mich um meine Selbstsicherheit. Mein Feierabend verschob sich gerade in weite Ferne, doch war mir im Moment nichts unwichtiger als das.
„Soll ich es mir mal ansehen? Ich kann den Verbandkasten holen und …“
Er winkte ab.
„Lass nur, bemühe dich nicht. Es ist nicht der Rede wert!“
Warum klang es in meinen Ohren so, als wäre er nicht der Rede wert?
Ein erneuter Griff zum Glas, ein erneutes Rücklegen des Kopfes und sein Glas war bald zur Hälfte geleert.
Ich wollte nicht, dass das Glas zur Neige ging, wollte nicht, dass er den letzten Schluck nahm und in die anonyme Dunkelheit der Nacht verschwand. In eine Dunkelheit, die alles zudeckte, alles versteckte.
Auch ihn?
Ich wollte, dass er blieb, ich wollte, dass er mit mir redete, über was auch immer, nur eines wollte ich nicht … Ich wollte nicht, dass er ging. Etwas in mir zog sich bei diesem Gedanken zusammen.
Ich tat das, was jeder gute Barkeeper machte, ich stellte mich als Gesprächspartner zur Verfügung.
„Willst du reden? Manchmal hilft’s.“
Wieder dieser müde Blick, der von einem ebenso müden Lächeln begleitet wurde.
„Gaube nicht …“
„Was glaubst du nicht? Dass du reden willst oder dass es hilft?“
„Beides!“
Erneut der Griff zum Glas, nur noch ein kleiner Rest blieb zurück, höchstens noch ein Schluck und er würde gehen.
Panik kam in mir auf. Die Zeit rannte mir davon
Außer der Verletzung an seinem Arm war nichts an ihm offensichtlich und dennoch wusste ich, würde ich ihn jetzt gehen lassen, stünde er morgen in der Zeitung.
Auf dem Titelblatt, als Opfer eines tragischen Bahnunglücks oder … Mir fiel die Brücke hier in der Nähe ein, die, die über den Fluss ging und so unendlich hoch erschien, wie der Fluss tief war.
Drei Tage später würde ich seinen Namen erneut in der Tageszeitung lesen, nur diesmal auf der letzten Seite … bei den Nachrufen.
„Wie heißt du?“ Blöde Gedankenkette, aber ich wollte wenigstens seinen Namen erfahren.
„Ronny, eigentlich Ronald, aber so ruft mich niemand mehr.“
„Wieso nicht?“
Das leichte Heben einer Augenbraue teilte mir mit, dass er meinen Plan durchschaute.
Gleichzeitig zuckte er mit den Achseln, es schien keinen Unterschied mehr zu machen.
Aber verdammt, welchen Unterschied? Den, zwischen reden oder schweigen? Zwischen verstehen und nicht wissen? Den, zwischen Leben und Tod?
Als er erneut nach dem Glas griff hielt ich seine Hand auf, hielt sie einfach zwischen meinen Händen und ließ ihn nicht mehr los.
Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass meine Finger Injektionsnadeln wären, die ihm meine Menschlichkeit einimpfen könnten, meine Wärme und mein Mitgefühl.
„Willst du mir nicht sagen, wer dich Ronald nennt und nicht Ronny?“
Irritiert sah er auf unsere Hände hinab, machte jedoch keine Anstalten sich meinem Griff zu entziehen.
Für einige Sekunden spürte ich ein leichtes Zittern, das mir Hoffnung schenkte.
Wenn es noch etwas gab, das ihn berühren konnte, vielleicht konnten dann auch meine Worte ihn berühren? Ihn schmerzen oder gut tun? Hauptsache sie brachten ihn aus diesem Niemandsland des Nichtfühlens.
Nur zu schnell hatte er sich wieder im Griff, verschwand dieses kleine Zeichen der Schwäche, bevor er wieder zurück glitt in dieses Land, in das ich ihm nicht folgen konnte. In dem es scheinbar außer schwarzer, trüber Müdigkeit nichts anderes mehr gab.
„Mein Opa nannte mich immer Ronald!“
Ein kleines Zipfelchen Information; ich klammerte mich daran, so wie ich mittlerweile seine Hand umklammerte.
Ich versuchte mich verzweifelt in Gedankenübertragung … Rede weiter! … Rede mit mir! … Bitte rede mit mir!
Doch wieder schwieg er.
„Und warum nennt er dich jetzt nicht mehr so?“
„Weil er tot ist.“
„Oh, das tut mir leid. Was ist denn mit deinen Eltern, deinen Freunden? Rufen die dich alle Ronny? Was ist dir denn lieber?“
Ich plapperte, redete Unsinn, aber das war mir gerade egal.
„Übrigens mein Name ist Nat. Kann ich dir noch etwas anbieten?“
Bitte rede mit mir!
Langsam, viel zu langsam glitt sein Blick wieder in mein Gesicht, schien etwas zu suchen. Ob er es fand?
„Nein, nichts mehr. Danke! Was bin ich dir schuldig?“
Oh nein, er fing an mir seine Hand zu entziehen und es gab nichts, mit dem ich ihn aufhalten könnte.
Keinen simplen Grund ihm am Gehen zu hindern außer meinem dummen Gefühl.
Er griff nach seinem Glas, der letzte Rest des Whiskeys glitt über seinen Lippen, floss in seine Kehle, verschwand so, wie auch er nun verschwinden würde.
„Lass nur, geht aufs Haus!“
Er schüttelte den Kopf, griff in die Tasche seines Jacketts und zog einen 20 Euro Schein hervor.
„Ich bezahle meine Schulden … immer!“
Warum klang selbst das als meinte er eigentlich etwas vollkommen anderes?
Er wandte sich um, ging einen Schritt Richtung Tür und schwankte plötzlich, hielt sich mit einer Hand an einem Tisch fest, bevor er allzu offensichtlich nach einer inneren Stärke suchte, die ihn die paar Schritte zur Tür hinaus geleiten würde.
Beinahe unmittelbar stand ich neben ihm, gerade noch rechtzeitig, um seinen Sturz abzumildern, als ihn nun endgültig alle Kraft verließ.
Seine Augen schimmerten glasig, füllten sich, ehe sie überliefen und Tränen an seinen Wangen herab liefen.
„Ich habe ihn getötet!“, stammelte er. „Ich habe ihn getötet und heute habe ich ihn beerdigt.“
Eine Gänsehaut lief über meinen Rücken.
Er hatte seinen Großvater getötet? Er sah nicht aus wie ein Mörder und ganz gewiss würde er nicht mehr frei herumlaufen, wenn er tatsächlich einen Mord begangen hätte.
Ich konnte nichts anderes tun als mich vor ihm zu knien und ihn einfach in meine Arme zu ziehen.
Sein offensichtliches Leid ließ keine andere Handlung zu und er klammerte sich an mich wie ein Ertrinkender.
Ich hielt ihn und wiegte ihn wie ein Kind, flüsterte sinnlose Worte, die Trost spenden sollten und die doch nichts anderes als leere Worthülsen waren angesichts seines Elends.
Geleitet von meiner Hilflosigkeit ließ ich Küsse auf sein Haar regnen, auf seine Wange und seine Hände.
Er war keine Fremder … ich war kein Fremder. Wir waren einfach Menschen, die nach Rettung suchten.
Irgendwann rappelte er sich auf, schwankte und wich doch Schritt um Schritt vor meiner ausgestreckten Hand zurück.
Immer wieder schüttelte er den Kopf, verneinte alles.
Das gerade Geschehene, meine Hilfe. Seine Schuld?
Ich weiß es nicht und noch bevor ich mich aus meiner knienden Position erhoben hatte war er verschwunden.
Am nächsten Tag stand nichts in der Zeitung und auch drei Tag später stand kein Ronny oder Ronald unter den Todesanzeigen. Aber musste das etwas bedeuten?
Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist, ich weiß auch nicht, ob er tatsächlich seinen Großvater tötete.
Ich weiß nur, dass in einer Schublade meiner Theke ein Umschlag mit Wechselgeld liegt und dass jede Nacht eine Kerze in meinem Ladenfenster brennt. Damit er, wenn er aus der Dunkelheit kommt, ein Licht finden wird, das ihm den Weg zeigt.

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